Klaus , sein Kollege meldete sich. Ohne ihn auch nur zu Wort kommen zu lassen sagte Paul ins Telefon "Ich kann heute nicht ins Büro kommen, meine Frau ist in die Klinik eingeliefert worden." Dann
legte er auch schon auf. Alles hätte er noch ertragen können, doch nicht die spöttischen Faxereien seines Kollegen Klaus, der der Meinung war, immer der Witzigste sein zu müssen. Bevor er sich in die Klinik begeben würde, würde ihm ein starker Kaffee sicher gut tun, und er ging in die Küche. Seltsam, alles tat er absolut ruhig, fast wie ein Roboter. Auch kein seelischer Schmerz war in ihm, er tat einfach das, was getan werden musste. Hatte jede Seele eine andere Art mit Schicksalsschlägen fertig zu werden?, fragte er sich in Gedanken.

Fast wie in Trance fuhr er in die Klinik. Der behandelnde Arzt, Dr. Lauder, erwartete ihn schon in seinem Sprechzimmer. "Guten Morgen Herr Rosen, ich habe Sie schon erwartet. Bitte nehmen Sie doch Platz. Ich denke, es wäre hilfreich, wenn Sie mir die Vorgeschichte des Falles in Ruhe und von Anfang an erzählen würden. Sie können versichert sein, dass es unter meiner ärztlichen Schweigepflicht fällt, es dient nur zum besseren Verstehen der Sachlage , um ihrer Frau helfen zu können." Paul wusste, dass diese Frage kommen würde, sie war sogar ganz natürlich. Trotzdem kam er sich wie ein Angeklagter vor. Auch wusste er nicht, wo er anfangen sollte, auch war es ihm mehr als unangenehm. Dr. Lauder ließ ihm Zeit, nur seine Augen hinter seinen Gläsern beobachteten ihn scheinbar etwas ungeduldig. Er drückte fast beiläufig den Knopf der Gegensprechanlage und fragte Paul "Kaffee oder Tee?". "Kaffee", sagte Paul automatisch und hörte wie der Arzt seine Bestellung durch die Anlage aufgab. Als der frische, duftende Kaffee vor ihnen stand, hatte Paul immer noch kein Wort gesprochen. Dr. Lauder hob seine Tasse und trank langsam und genüsslich, ohne ihn auch nur anzusehen, als hätte er alle Zeit der Welt. Paul Rosen starrte in seinen Kaffee und dann brach es plötzlich aus ihm heraus. Er erzählte seine Geschichte, brachte erst vieles durcheinander, doch dann gewann es etwas an Substanz und er spürte, wie gut es ihm tat alles aussprechen zu können. Dr. Lauder unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Er schien vollkommen mit seinem Kaffee beschäftigt zu sein, denn sein Blick galt nur seiner Tasse und deren Inhalt.
Er tat das mit voller Absicht, um auf keinen Fall seinen Gegenüber aus dem Konzept zu bringen. Als Paul Rosen seine Geschichte beendet hatte fühlte er sich auf seltsame Weise erleichtert. Dr. Lauder sprach immer noch kein Wort. Es war so still in dem Raum, dass die Kaffeetasse, die Dr. Lauder nun zurückstellte einen erschreckenden, klirrenden Laut von sich gab, so dass Paul unwillkürlich zusammenzuckte. Fast im gleichen Moment stand der Arzt auf und sagte, ohne weiter auf Paul's vorhergehenden Erzählungen einzugehen "lassen Sie uns zu Ihrer Frau gehen". Paul war etwas verwirrt, der Doktor ging einfach durch die Tür voran in dem festen Glauben, dass
Rosen ihm folgen würde. Paul ging einer Marionette gleich hinter ihm her, sie gingen durch lange Gänge bis zu einer Tür mit der Nummer 123 und mit der Aufschrift BITTE NICHT STÖREN. Er wusste nicht, was ihn erwartete, auch wusste er nicht, was er zu erwarten hoffte. Als Dr. Lauder die Tür öffnete und Paul durch sie hindurch spähte, sah er Anna auf einem Stuhl am Fenster sitzen, so wie er sie oft hatte sitzen sehen, und doch ganz anders. Anna schien das Öffnen der Tür gar nicht gehört zu haben, zumindest nahm sie keinerlei Notiz davon. Ihr Blick war aus dem Fenster in den Garten der Klinik gerichtet. Als Paul ihrem Blick folgte bemerkte er, dass sie fast versonnen auf eine Reihe von Apfelbäumen sah, die einen Teil des Parks umgaben. Dr. Lauder und Paul traten hinter Anna und schauten ebenfalls in den Park hinab. Die große Rasenfläche vor den Bäumen dampfte unter der Wärme der Sonne, die den Tau der Nacht löschte. Es war wie der Nebel, in der Nacht wo alles begonnen hatte. Er spürte den Blick des Arztes auf sich und als er zu ihm hinschaute vernahm er ein leichtes Nicken. Paul verstand, leise und behutsam sagte er zu Anna, die immer noch einer Statue gleich aus dem Fenster schaute "
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