Es stimmt, ich weiß das unsere Ehe nicht mehr das ist, was sie vor Jahren einmal war. Nur den eigentlichen Grund weiß ich nicht so recht. War es wirklich nur die Kinderlosigkeit? Meine Liebe zu ihm hat in all den Jahren nur noch mehr Bestand bekommen. Er wurde ein fester Teil von mir. Würde er gehen, wäre es - als nehme man ein Teil von mir selbst fort. Wie soll ich ohne ihn leben? Um so mehr sie darüber nachdachte, um so mehr geriet sie innerlich in Panik. Sie wusste einfach nicht, was sie ohne ihn anfangen sollte in ihrem Leben. Sie hatte nie einen Beruf erlernt, Paul schon als junges Mädchen geheiratet. Ihr Leben bestand darin, das Haus sauber zu halten und alles für ihn zu richten. Was sollte sie mit sich anfangen, wenn alles sinnlos geworden war? Hilfe suchend ging sie zum Telefon und versuchte sie Susi zu erreichen, doch niemand nahm den Hörer ab. Wie ein weidwundes Reh zog sie sich ins Schlafzimmer zurück, krümmte sich auf dem Bett zusammen wie ein Embryo im Mutterleib, umschlang ihr Kissen fest mit beiden Armen, wollte weinen, die erlösenden Tränen, doch sie konnte nicht. Alles war so leer in ihr und es wurde immer leerer. Ihre augen waren geöffnet und doch versenkte sie sich wie in einen tiefen Schlaf, den Schlaf des  Vergessens. Einfach alles auslöschen  -  der Realität völlig entfliehen.

Kapitel 10

Genau in diesem Zustand und Lage fand Paul sie am Abend zuhause vor. Es zerriss ihm fast das Herz. Tröstend nahm er sie in seine Arme, doch sie zuckte zurück. Sie hob den Blick und Paul sah in ein Augenpaar, das nicht Anna's zu sein schien. Ihr Blick war leer, wie der einer Toten. Sie schien ihn nicht wahrzunehmen. Unwillkürlich schaute er prüfend auf ihren Nachtschrank, ob er dort ein Tablettenröhrchen finden würde, aber er konnte nichts dergleichen entdecken. Er rannte ins Bad um seine Suche dort fortzusetzen, doch auch dort waren keine Anzeichen dafür zu finden, dass sie Tabletten genommen hätte. Er schüttelte sie, schrie sie an, doch sie reagierte nicht. Nur seine Berührungen wehrte sie schwach ab. Er geriet in Panik. War sie etwa irrsinnig geworden? Er hob sie hoch und fing unwillkürlich an sie zu schlagen. Er schlug ihr ins Gesicht, immer wieder und wieder. Sie fiel auf das Bett und schloss endlich diese schrecklichen leeren Augen. Dann rannte er zum Telefon und zum zweiten Male innerhalb kurzer Zeit hielt vor ihrem Haus ein Notarztwagen.
Nach einer kurzen Untersuchung des Notarztes und Paul's hektischen Erklärungen des Falles, brachte man sie in die Psychiatrie des nahen Krankenhauses. Der Arzt dort erklärte Paul, man könne jetzt noch nichts Definitives sagen, man wolle sie zur Beobachtung da behalten und er könne sich am nächsten Tag wieder nach ihr erkundigen. Auch erwähnte er etwas von einer psychischen Sperre, und wenn es das sei, könne es langwierig werden und es hinge von dem Patienten ab, ob und wann er zu einer Mitarbeit bereit wäre um somit in die Realität zurückzukehren.
An Paul tropften diese Worte und Erklärungen ab wie Regentropfen. Er konnte den Inhalt nicht verstehen, wollte es auch nicht. Was war mit seinem Leben geschehen? Ein paar unbedachte Worte waren der Anfang, dann die Überlegung, dass nun die Zeit gekommen sei um neu anzufangen, und schon kam es wie eine Lawine über ihn. Eine Lawine, die niemand mehr aufhalten konnte und deren Ende nicht abzusehen war. Schwankend wie in Betrunkener ging er nach Hause. Er wusste nicht, wie lange er in dieser Nacht in seinem Sessel gesessen und über seine ausweglose Lage gegrübelt hatte. Irgendwann musste er eingenickt sein, denn das zermarternde Schrillen des Telefons riss ihn am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Sein Körper war steif und er hatte Mühe an das Telefon zu gelangen. Doch als er es erreichte, hatte der andere Teilnehmer schon aufgelegt. Er schaute auf die Uhr, es war 8.30 Uhr. Sicher war es das Büro, schoss es ihm durch den Kopf. Sie werden sich wundern, wo ich bleibe. Müde nahm er den Hörer ab und wählte die Nummer seines Büros.
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