Paul las den Brief wieder und wieder. Sie hatte so verdammt recht! Sie regelte es mit dem Verstand, nicht mit dem Gefühl. Er wusste selber, dass Anna's Liebe eine andere war als Susi's. Aber mit Susi würde er besser leben können. Er wusste es. Anna hatte ihn all die Jahre mit ihrer Aufopferung geradezu erstickt, ihn oft herunter gezogen , ihm seine Ideen genommen und seine Sponanität. Susi hatte ihn eher motiviert, auch in seinem Beruf. Trotzdem hatte er nicht auch das Recht Anna mit Füßen zu treten. Aber hatte er nicht auch ein Recht so zu leben, wie er es sich wünscht? Zehn Jahre hatte er bei Anna ausgeharrt. Ja, er hatte sie geliebt, zumindest am Anfang. Doch als er Susi kennen lernte war alles anders geworden. Bei ihr hatte er den festen Halt gefunden und einen Menschen der ihm ebenbürtig war. Eher das Gegenteil war bei Anna der Fall, er wurde zum Halt für sie. Es wurde immer beschwerlicher für ihn diesen Halt darzustellen, Tag für Tag. Zu wissen, dass sie ohne ihn hilflos war. Anna war eher wie ein Kind, nicht wie seine Frau. Vielleicht fiel es ihm deshalb schwer sich intensiver um seinen Sohn zu kümmern, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Hatte in seinem Leben nicht schon durch die verlorenen Jahre  zu viel Rücksicht genommen. In Susi fand er eine gleichberechtigte Person, mit der er seine Probleme besprechen konnte, egal welcher Art. So stellte er sich seine Frau und Partnerin vor. Um so mehr er darüber nachdachte, um so mehr wünschte er sich eine Trennung von Anna und einen neuen Anfang. Doch er wusste, dass die schwerste Aufgabe noch vor ihm lag.  Unwillkürlich musste er fast hysterisch lachen. Wie sollte man einer liebenden Frau sanft beibringen, dass man sie für immer verlassen will? Das Telefon auf seinem Schreibtisch schellte und riss ihn aus seinen Gedankengängen. "Rosen", schnarrte er uninteressiert in den Hörer. "Paul, .... hier ist Anna. Ich habe mir solche Sorgen gemacht. In der Klinik sagte man mir, dass du schon weg wärst. Warum bist du nicht erst nach Hause gekommen? Du sollst dich doch schonen hat der Arzt gesagt." Wie in einem plötzlichen Schmerz schloss er seine Augen. Immer noch die Augen geschlossen und völlig konzentriert antwortete er ihr. "Anna, ich bin wieder o.k., du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Die Arbeit tut mir gut. Ich möchte nicht nach Hause kommen. Das geht nicht gegen dich, Anna. Auch was ich alles zu dir gesagt habe, vergiss es einfach, ich wollte dich nicht kränken. Dennoch hat unsere Ehe keinen Bestand mehr, du weißt das, du hast es längst bemerkt. Es liegt nicht an einem Kind, du brauchst deshalb keine Schuldgefühle zu haben. Wir müssen einfach noch mal in Ruhe miteinander reden. Heute Abend komme ich nach Hause und wir reden, ja?" Er hörte Anna atmen, doch sie sagte kein Wort. "Anna, hörst du mich?", fragte er vorsichtig. "Ja", hauchte sie in den Hörer. "Bis heute Abend“ sagte sie noch unter Tränen und legte auf. Am Telefon war alles leichter, empfand er, er brauchte ihr dabei nicht in die Augen zu schauen. Die Leute sagen, eine Aussprache am Telefon ist unpersönlich, er hatte nicht das Empfinden. Ja, er glaubte sogar am Telefon persönlicher sein zu können. Nichts lenkte vom Gespräch ab, man lauschte einander und vernahm viel mehr von der inneren Stimmung des Anderen. Dennoch wusste er, dass Anna nicht so dachte. Er machte seine Werbeentwürfe an diesem Tag mehr mechanisch als konzentriert, so sehr war er in Gedanken versunken, wie er es Anna am Abend am Besten beibringen sollte.

Kapitel 9

Nach dem Klicken in der Leitung ließ Anna den Hörer kraftlos sinken, als sei er ihr zu schwer geworden. Die Tränen liefen unaufhörlich über ihre Wangen. Sie lief herum und suchte ein Taschentuch, doch sie konnte mit ihren Tränenvernetzten Augen keines finden. Schließlich begab sie sich ins Bad und benutzte ein Handtuch. Ihr Blick fiel in den Spiegel, sie schaute sich an, als hätte sie sich seit Jahren nicht gesehen. Ich sehe furchtbar aus, dachte sie entsetzt. Nicht nur weil ich geweint habe, nein auch gealtert bin ich. Es ist kein innerer Glanz mehr da, ich sehe nur eine alternde Frau ohne Hoffnung, bemitleidete sie sich selbst. Zehn Jahre habe ich ihm geschenkt, die besten Jahre meines Lebens, nun will er gehen.
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