Paul Rosen lief in sein Büro und riss das Fenster auf. Tief und gierig sog er die frische kalte Luft in seine Lungen. Dann nahm er das Telefon und wählte Susi's Nummer. "Susi, du brauchst Pit nicht vom Kindergarten abholen, das mache ich. Ich komme nach Hause, ich kann heute nicht mehr arbeiten, wir müssen miteinander reden." Dann legte er auch schon auf. Seltsam, wie leicht ihm das "nach Hause" gefallen war, als wäre es nie anders gewesen.

Als Paul seinen Sohn vom Kindergarten abholen wollte, wurde er von der Kindergärtnerin in ihr Büro gebeten. "Darf ich Ihren werten Namen erfahren?", wurde er gefragt. Paul glaubte sich verhört zu haben "Wieso möchten Sie das wissen. Aber bitte, wenn Ihnen danach leichter ist, mein Name ist Paul Rosen, möchten Sie eventuell auch noch meinen Pass einsehen? Wo bin ich hier eigentlich? In einem Kindergarten, oder im Pentagon?", herrschte er sie an. Die Dame lächelte versöhnend "Herr Rosen, Sie verstehen nicht. Ich kenne Sie nicht und Pit wurde bisher immer von seiner Mutter abgeholt. Ich kann nicht einfach eines unserer Kinder einem Fremden mitgeben. Ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine?"
Paul verstand. Es war ja auch durchaus richtig so. Er überlegte, dann meinte er "rufen Sie doch bitte Frau Stahmer kurz an und lassen Sie sich die Richtigkeit meines Hier seins bestätigen." Die Dame rief tatsächlich Susi an und sprach einige Zeit mit ihr am Telefon. Sie entschuldigte sich anschließend für ihr Vorgehen und händigte ihm seinen Sohn aus. Es war Paul plötzlich klar, dass noch ganz andere Schwierigkeiten vor ihm lagen. Schwierigkeiten, die auch auf kleine Dinge beruhen, an die er zuvor gar nicht gedacht hatte. Er musste eine Entscheidung fällen, sich öffentlich zu seinem Kind bekennen!. Das ging nur über eine Scheidung und einer erneuten Ehe. Aber wollte er das alles wirklich so schnell? Es überrannte ihn förmlich alles. Er musste auch mit Anna noch einmal in Ruhe reden, er konnte nicht einfach gehen, das war ihm klar geworden. Auch hatte er noch Verpflichtungen ihr gegenüber. Schließlich war sie keine Umtauschware, die man einfach in einen Laden zurückbrachte. Doch was war eigentlich mit Susi? Dieser Telefonanruf mitten in der Nacht? Was hatte das zu bedeuten? Wusste er wirklich alles über sie? Es wurde Zeit aufzuräumen, aufzuräumen in einem völligen Durcheinander und Wirrwarr, wie bei einem verhedderten Garnknäuel, wo man den Anfang erst finden musste, um es neu und ordentlich wieder auf zu wickeln. Zerstreut ging er mit dem Jungen an der Hand nach Hause. Pit redete unaufhörlich auf ihn ein, und Paul sagte immer zu, völlig in Gedanken versunken "ja, ja, ja...", dazu ohne auch nur einmal hinzuhören. Doch einem Kind entgeht so leicht nichts. Kaum waren sie in Susi's Wohnung angekommen, schleuderte Pit wütend seine Kindergartentasche in die Ecke und schrie "Onkel Paul soll mich nicht mehr abholen! Auch soll er wieder auf seine Reisen fahren! Er braucht nicht hier zu bleiben, ich will mit meiner Mama alleine sein. Onkel Paul hat mich sowieso nicht lieb, ich bin ihm ganz egal!" Dann lief er wütend in sein Zimmer. Wie von einem Schlag getroffen standen Susi und Paul da. Paul verstand die Welt nicht mehr. Er spürte den abwartenden und gleichzeitig vorwurfsvollen Blick von Susi auf sich gerichtet. Sich zu ihr drehend herrschte er sie etwas hilflos und wütend auf ihre Reaktion an "Was denkst du denn? Ich verstehe es nicht! Es ist überhaupt nichts passiert, glaube mir doch!" Susi sagte gar nichts, sie wandte sich ab und folgte ihrem Jungen ins Kinderzimmer. Paul stand da wie auf einem Abstellgleis. Er kam sich plötzlich vor wie ein Störenfried. Aber warum nur? Was hatte er getan? Er hörte Susi durch die Tür leise mit ihrem Sohn sprechen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern bis sie wieder zu ihm herauskam. Und um so länger es dauerte, um so unsicherer fühlte er sich in der Wohnung, fast wie ein Eindringling, der besser gehen sollte.
Da kam Susi aus der Tür, sie schaute ihn an, wie sie ihn noch nie angeschaut hatte, fast wie einen Fremden. "Kannst du diese Nacht in einem Hotel verbringen. Paul? Ich weiß nicht, was der Junge hat, aber er wehrt sich vehement gegen dich. Ich glaube wir müssen ihm Zeit lassen. Schilder du mir doch mal, was eigentlich los war."
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