Aber wann sollte er denn bei ihr gewesen sein? Gab es etwa nie diese Geschäftsreisen? Ich wollte mit ihm reden, wollte fragen, ob wir nicht ein Kind adoptieren sollten. Es war wie ein Schlag für ihn, ich habe ihn noch nie so erlebt. Als er ging war es mir, als ginge er für immer. Wir kennen uns schon so lange Susi, hast du denn nie etwas bei ihm bemerkt?", überschlug sich Anna. Susi schaute auf die Tischplatte. Sie bemerkte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Nur nicht rot werden, dachte sie, nur nicht  das auch noch. Mein Gott, was sage ich nur. "Susi, so sag' doch was! Du hast es gewusst, gib es zu! Warum hast du nicht mit mir darüber gesprochen?", herrschte Anna sie verzweifelt an. Der Kloß, den Susi in ihrem Hals hatte, spülte sie mit einem kräftigen Schluck Kaffee hinunter. Aufrecht schaute sie Anna nun in die Augen. "Was hättest du an meiner Stelle getan? Auf bloßem Verdacht hin eine Ehe zerstört? Nein, du hättest auch nicht mit mir darüber geredet. Mit Paul reden, ja das hätte ich tun können. Aber auch das habe ich nicht getan. Ein Fehler von mir, gut. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist und etwas bringt, sich in die Ehe anderer einzumischen." Anna überlegte und musste ihr dann zustimmen. Ihr zustimmen, ihr Susi, die in diesem Moment das wohl Makaberste gesagt hatte, was sie auch nur hätte sagen können.
Obwohl Susi sich im Innersten mehr als schäbig vorkam, spielte sie sich langsam in die Rolle ein. Seltsam, in den ganzen Jahren des Betruges an Anna war sie sich nie schäbig vorgekommen. Es war fast wie ein glückliches Dreierverhältnis für sie. Vielleicht hatte sie deshalb nie Gewissensbisse gehabt, weil alle Beteiligten glücklich zu sein schienen. Doch nun war alles anders geworden. Vor ihr saß eine gebrochene Frau, die es nicht begreifen konnte und wollte, dass alles was ihr Leben bedeutete zu Ende sein sollte. Das Schlimmste war für sie, dass es ohne Anmeldung kam, quasi aus heiterem Himmel. Gut, die Ehe war nicht mehr die Beste. Auch Anna hatte das bemerkt, doch das absolute Aus war doch etwas anderes. Sie, die die Ehe durch ein Kind retten wollte, hatte ausgerechnet durch diesen Wunsch alles verloren.  "Woran denkst du Susi", wurde sie in ihren Gedankengängen von Anna unterbrochen. "Ich mache mir Gedanken über euch", antwortete sie wahrheitsgemäß. "Susi, am Liebsten möchte ich einige Tage bei dir bleiben, einfach um das leere Haus nicht zu sehen. Hier kann ich zum ersten Male wieder frei atmen. Wenn er doch noch heimkommt und mich dort nicht findet, wird er sich sicher Sorgen machen und mich suchen, er wird auch sicherlich zuerst hier anrufen, ob ich bei dir bin. Vielleicht wird dann auch wieder alles gut", meinte Anna Hilfe suchend. Susi stand auf und lief unruhig durch den Raum, während sie sagte "Das glaube ich nicht, Anna. Er wird sich einfach nur Sorgen machen um dich und nicht wissen, was er tun soll. Gehe nach Hause und warte auf ihn. Vor allem wenn er anrufen sollte, wirst du hier seinen Anruf verpassen." Erschrocken sprang Anna auf. "Du hast recht, ich muss nach Hause! Vielleicht hat er schon versucht mich zu erreichen! Ich danke dir! Sobald er angerufen hat sage ich dir Bescheide, ja?" "Ja, Anna", kam es fast gebrochen aus Susi's Mund, sie hatte plötzlich das Gefühl sich übergeben zu müssen angesichts des Dankes von Anna für ihre gute Idee.

Kapitel 5

Paul saß nachdenklich in der Kantine und aß, als Klaus, ein Mitarbeiter, sich an seinen Tisch setzte. "Seit wann isst du denn in der Kantine? Gab es endlich mal in eurer Bilderbuchehe einen echten Zoff?", meinte er lachend.
"Das geht dich einen Dreck an", herrschte Paul ihn an. Klaus spielte den Entsetzten. Schützend hielt er seine Arme vor das Gesicht, während er sagte "Huch, ich habe ins Schwarze getroffen. Nur nicht aufregen alter
Kumpel, überall knallt es mal. Wurde bei euch mal Zeit. Habe schon gedacht, deine hübsche Frau könnte nur lächeln und ja Paul, natürlich Paul, sagen." Paul Rosen hatte genug! Polternd stieß er seinen Stuhl zur Seite und verließ die Kantine. "He, dein Essen wird doch kalt, du musst dich gut ernähren, damit du bei bester Form bist, wenn du heute Abend wieder ins traute Heim zurückkehrst", rief Klaus ihm spöttisch lachend nach.
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