Erst jetzt verspürte sie das sie weinte. Verschämt wischte sie sich die Tränen fort. Er sagte er hätte ein Kind, einen Jungen. Wer mag die Andere wohl sein? Wann war er denn bei ihr gewesen? Es musste schon lange so gehen, denn schließlich war das Kind fünf Jahre alt. Warum hatte sie nie etwas bemerkt? Waren all seine Geschäftsreisen nie Geschäftsreisen gewesen? Aber warum hätte sie ihm nicht glauben sollen? Sie hatte sogar für ihn die Koffer gepackt und anschließend seine Wäsche gewaschen. Immer hatte sie eine kleine Aufmerksamkeit mit in die Reisetasche gelegt. Eine Packung Merci oder Weinbrandbohnen, die er so gerne mochte. Hatte er womöglich all diese Dinge ihr, der Anderen mitgebracht? Das tat so weh, mehr noch als das Kind, das er mit ihr zu haben schien. Schließlich hatte sie es für ihn eingepackt, nur für ihn. Es war wie eine kleine Liebesgabe von ihr. Aber er hatte sie doch auch geliebt, auch körperlich, nicht mehr so oft wie früher, aber er hatte sie dennoch genommen. Hatte er eigentlich bemerkt, dass sie nie einen Orgasmus bekommen hatte? War er deshalb zu der Anderen gegangen? Aber sie hatte den vermeintlichen Höhepunkt doch immer so gut für ihn vorgetäuscht um ihn nicht in seiner Männlichkeit zu kränken. War er ihr dennoch auf die Schliche gekommen? Es war alles wirr in ihrem Kopf. Plötzlich dachte sie darüber nach, wie sein Kind wohl aussehen möge. Kam es ganz nach dem Vater? Hatte es seine braune Augen? Ohne es geplant zu haben, fast wie von selbst führte ihr Weg direkt vor die Tür ihrer Freundin Susi. Als sie bei ihr schellte, stand Susi schon an der Tür und wollte gerade mit Pit in den Kindergarten gegen. Uninteressiert betätigte Susi den Türöffner, sie rechnete mit dem Postboten. Um so erstaunter war sie, Anne vor sich zu sehen. Sie kam sich ertappt vor, obgleich Paul doch längst ihr Haus verlassen hatte. Hoffentlich sagte der Junge jetzt nicht, das Onkel Paul gestern Nacht bei ihnen gewesen war, schoss es ihr siedensheiß durch den Kopf. "Anna! Wie geht es dir? Entschuldige, dass ich gestern aufgelegt habe, aber du weißt ja, ich hatte Besuch, es war wirklich mehr als ungünstig. Er kam gerade ins Zimmer, ich fand es nicht so gut, dass er zu sehr Privates aus meinem Umfeld erfährt. Ich kenne ihn noch nicht so lange. Verzeih' mir, ja?" sprudelt Susi heraus. Anna war nur froh sie zu sehen und hatte alle Enttäuschung  ihr gegenüber vergessen, sie war nur erleichtert endlich mit ihr reden zu können. Pit hängte sich bei Anna ein, "kommst du mit, Pit zum Kindergarten bringen? Onkel Paul.....", fuhr er fort.... "Onkel Paul ist zur Arbeit und kann nicht mitkommen..."  "Ja, ja!", schrie Susi geradezu hektisch dazwischen. Dann zu ihrem Sohn gebeugt "Pit, bitte nicht von Onkel Paul reden, das macht Tante Anna traurig." "Aber warum denn, ist Onkel Paul böse zu Tante Anna gewesen?" Anna lächelte schwach "Ich glaube ich warte lieber hier auf dich, bis du Pit in den Kindergarten gebracht hast. Ich kann es im Moment wirklich schlecht ertragen", meinte sie mit bittendem Blick zu Susi. Susi musste einen Stoßseufzer unterdrücken. Sie schob Anna ins Haus und lief mit dem Bub erleichtert davon. Anna begab sich in Susi's Küche, um einen Kaffee aufzubrühen. Sie fühlte sich wie befreit in Susi's Wohnung. Alle Beklemmungen fielen von ihr ab, am Liebsten würde sie für einige Zeit bei Susi unterkriechen. Sollte sie sie einfach fragen? Aber wenn es ihr nicht recht wäre? Sie schien einen neuen Freund zu haben. Als Susi zurückkam roch sie schon den Duft des Kaffees im Flur. Scheinbar heiter betrat sie die Küche. "Oh, es duftet so herrlich nach frischem Kaffee, der wird unsere Lebensgeister wieder wecken", rief sie. Anna lief mit dem Tablett ins Wohnzimmer. Es tat ihr gut wieder Hausarbeit zu verrichten und eine freundliche Atmosphäre um sich zu schaffen. Doch beim gemeinsamen Kaffee schwiegen die beiden Frauen sich an. Susi wusste nicht was sie sagen sollte und Anna nicht wie sie sie bitten könnte ein paar tage bei ihr unter zu kriechen. Endlich ergriff Anna das Wort. "Susi, er hat gesagt, dass er einen Sohn hat. Einen Sohn im gleichen Alter wie dein Pit. Er sprach von seiner Familie und dass er es mit mir nicht mehr aushalten würde. Ich werde seine Worte niemals vergessen", ratterte sie herunter. "Ich verstehe das nicht! Ich habe nie etwas dergleichen bemerkt! Stimmt es denn wirklich, dass es die Ehefrau immer als Letztes erfährt? Man sagt das immer so.
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