Instinktiv suchte er nach Dingen, die ihm am Herzen lagen, die er gerne mitgenommen hätte. Doch er musste   erkennen, dass alles was er sah Anna's  Handschrift trug. Es war immer ihre Wohnung gewesen. Ein Zuhause, das sie für ihn nach ihrer Fasson eingerichtet hatte. Nichts war von ihm, alles erinnerte ihn nur an Anna. Dieses fast schon sterile, aufgeräumte Haus, in dem man kein Stäubchen finden konnte. Die aufgebauschten Kissen in seinem Fernsehsessel, so wie er es gerne hatte. Der Glastisch mit dem Ascher und dem Minikühlschrank für sein abendliches Bier. Die CD's, die sie nur für ihn gekauft hatte in dem Glauben sie würden ihm gefallen. All dieses in seiner Reichweite neben dem Sessel, den nur er sein Eigen nennen durfte. Sie hatte höllisch darauf aufgepasst, dass niemand sonst auf diesem Herrensessel Platz nahm. Auch sie selber wäre nie auf diese Idee gekommen. Dann sah er das Hochzeitsbild an der Wand. Etwas zu groß und zu sehr in den Vordergrund gehoben, fast wie ein Heiligenbild in einer Kirche. Er wandte sich ab und ging ins Bad. Sein Rasierzeug lag für ihn griffbereit wie jeden Morgen, auch das frische, blütenweiße Handtuch lag locker über seinem Waschbecken. Er hatte das rechte Becken, sie das linke. Es kam ihm nun alles vor wie in einem kitschigen Film. Nein, es war nie eine Ehe gewesen, nie eine wirkliche Beziehung zweier Menschen, eher eine totale Abhängigkeit! Fast eilig stopfte er seine Utensilien in eine Tasche und verließ fluchtartig das Haus. Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss! Es klang wie ein Schuss in seinen Ohren. Paul rannte die Straße hinunter als wolle jemand versuchen ihn aufzuhalten, sprang in sein Auto und fuhr mit quietschenden Reifen in Richtung seines Büros. Wie sollte er sich heute auf seine Arbeit konzentrieren können? Wie sollte er in seiner Werbefirma vor Ideen nur so sprudeln, wie er es sonst tat? Er fühlte sich leer, so unendlich leer.
In seinem Büro kam er noch nicht einmal dazu zu verschnaufen. Zwei Auftraggeber warteten schon auf ihn. Er sollte eine Zahnpastawerbung kreieren, die witzig ist, nicht so wie die geläufigen. Ein bitterer Zug lag auf seinem Mund. Witzig sollte er sein! Fast mechanisch malte er mit flinken Fingern einen jungen Mann aufs Papier, der eine Prothese in den Händen hielt. Dann schaute er seine Auftraggeber an und meinte mit immer noch bitterem Lächeln "Mit dieser Paste wäre es noch lange nicht soweit!" Applaus dröhnte ihm entgegen und er wurde belobigend auf die Schulter geklopft. "Das ist es, genau das ist es! Wir wussten, wir können uns auf sie verlassen. Geben Sie es gleich in Arbeit, ein Werbespot von 30 Sekunden, das Geschäft ist perfekt! Wann können wir die Vorlage sehen?" alles lief um ihn herum ab wie ein Traum, aber es erschien ihm wie ein geradezu lächerlicher. "In einer Woche" hörte er sich sagen und seine Stimme klang wie selbstverständlich . Der Zweite Auftragsgeber wollte eine Idee von ihm für ein neues Waschmittel. Um seiner Stimmung noch eins drauf zu geben sagte er fast selbstverständlich“ Machen wir Antiwerbung, kommt am besten an. Eine völlig verdreckte Frau macht sich lustig über ihre Nachbarin bei der alle Wäsche geradezu einen Heiligenschein besitzt.“ Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann brandete regelrechter Applaus auf. „Mal was ganz Anderes! Das ist es ! Und man kann es hervorragend in Szene setzen. Eine Werbung die haften bleibt  über die man spricht und lacht, das Beste überhaupt!“ Kopfschüttelnd über sich selber verließ er den Konferenzraum.  Er war genial, genial in einem Moment indem sein altes Leben zusammen-brach. Als er wieder in seinem Büro war bekam er einen fast irren Lachanfall.


Kapitel 4
Anna lief die Straßen entlang ohne zu wissen wohin sie eigentlich wollte. Für wen sollte sie eigentlich einkaufen? Wenn sie nur wüsste, ob er Mittags wieder nach Hause käme, sie würde sein Lieblingsgericht kochen. Doch wenn er nicht kam? Sie selbst hatte keinen Hunger, sie brauchte nichts. Was brauchte sie überhaupt noch? Wenn er nicht zu ihr zurückkam hatte ihr Leben keinen Sinn mehr. Es war doch immer nur er gewesen, für den sie da war. Was sollte sie mit sich anfangen? Sie bemerkte, dass die Leute auf der Straße sie ansahen.
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