Nein, nicht aus das noch! Jetzt, wo er den Schluss-Strich gezogen hatte, um ein neues Leben anzufangen? Warum glaubte er immer Anna nicht allein lassen zu können? Und nun, wie hatte er sie allein gelassen! Warum war er nur damals so feige gewesen? Alle waren sie feige gewesen, sie hatten sich alle ein perfektes Theater vorgespielt. Sie hatten sich gegenseitig unendlich viele Male die Würde genommen. Er liebte Susi, vom ersten Augenblick an, als sie ihm vorgestellt wurde. Anna mochte er, nur wurde es ihm immer klarer, dass es nur seine Eitelkeit war, die sich gerne von ihr bemuttern und bewundern lassen wollte. Anna war die perfekte Ehefrau gewesen. Immer für ihn da, sie las ihm alle Wünsche von den Augen ab. Sie hatte sich ihm nie verweigert, all seinen Wünschen und waren sie noch so ungewöhnlich, hatte sie entsprochen. Irgendwann musste er einsehen, dass sie keine eigene Persönlichkeit hatte, dass  sie nur eine verliebte, aufgezogene Puppe war. Dann kam irgendwann die Langeweile,  sie ihm auf die Nerven, aber auch streiten konnte er nicht mit ihr. Sie gab ihm immer Recht, seine Meinung war für sie Gesetz. Schließlich, als er mit Susi die echten Höhen und Tiefen einer Liebe erlebte, war nur noch Mitleid in ihm Anna gegenüber. Nun hatte er Anna geradezu mit Füßen getreten. Sie hatte das nicht verdient, das wusste er. Aber was sollte er nun tun? Er konnte seine Worte nicht zurück nehmen. Seine Hand streichelte leicht über die Wange des schlafenden Kindes. Ja mein Junge, es wird schon gut werden. Irgendwann sagst du auch Papa zu mir und ich kann dich vor aller Welt meinen Sohn nennen. Irgendwann........Susi kam herein. "Komm Paul, ich habe dir einen Cognac eingeschenkt, ich glaube auch du kannst einen Drink gebrauchen." Wie eine Marionette folgte er ihr. Sie saßen schweigend und tranken. Es bedarf keiner Worte, jeder hing seinen Gedanken nach. Jeder wusste worüber der andere grübelte, doch niemand fand in dieser Nacht einen Ausweg. Unwillkürlich viel ihm ein Zitat ein das besagt > Freunde erkennt man daran das sie zusammen über das gleiche Thema schweigen können < Es kam ihm nun wie eine Face vor.

Am nächsten Morgen schlich sich Paul zu seiner Wohnung. Er musste unbedingt frische Kleidung holen. In einem Haus schräg gegenüber versteckte er sich in einen Seiteneingang und beobachtete sein Haus. Er kam sich wie ein Einbrecher vor, der nur darauf wartete, bis die Bewohner das Haus gegenüber verließen. Und genau das tat er auch. Wo blieb sie nur? Anna ging immer um diese Zeit zum Einkaufen, warum heute nicht?
Sie hatte immer alles penibel zu bestimmten Zeiten getan. Hatte sie sich womöglich etwas angetan? Ein plötzliches Schuldgefühl schnürte ihm  die Kehle zu , es war so stark, dass er glaubte ersticken zu müssen. Da,-- die Tür gegenüber ging auf, es war wie eine Erleichterung für ihn. Er sah sie und hatte das Gefühl, das Jahre zwischen jetzt und ihrer gestrigen Trennung lagen. Sie sah alt aus, alt und blass, erschreckend Blass. Sie blieb vor der Tür stehen und schaute an dem Haus hinauf. Sie machte keinerlei Anstalten zu gehen. Was ging in ihr vor? Er spürte, dass er bald einen Krampf in den Beinen bekommen würde, so starr stand er da. Wenn sie doch nur gehen würde! Ich halte das nicht mehr aus, dachte er. Da wandte sich Anna vom Haus ab, als würde sie seine Gedanken erraten und ging die Straße hinunter. Langsam ging sie, fast wie in Trance. Als sie außer Sicht war , rannte Paul zum Haus und sperrte es auf. Als sein Blick auf den großen Spiegel im Flur fiel hatte er wieder das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Mittels eines Lippenstiftes war in großen roten Lettern darauf zu lesen - Aber ich liebe dich doch!! - Sie rechnete also mit seiner Rückkehr, vielleicht ahnte sie sogar, dass er heute Morgen kommen würde, wenn sie außer Haus war. Er riss sich von dem Spiegel los und ging hinüber ins Schlafzimmer. Die Betten waren nicht benutzt. Sie hatte also die ganze Nacht über auf ihn gewartet. Ja, verstand sie denn nicht!? Er hob einen Koffer vom Kleiderschrank und begann seine Sachen einzupacken, anschließend lief er durch das Haus mit einem Gefühl des Abschieds. Seltsamerweise tat es weh, sehr weh sogar, und dennoch wusste er dass nichts sehnlicher als das wollte.
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