Kapitel 2

Es war drei Uhr in der Nacht, als es an Susi's Tür schellte. Wer mochte das jetzt noch sein?, dachte sie. Sie rollte sich aus dem Bett, schlüpfte in ihren Morgenmantel aus blauer Seide und schlich ein wenig ängstlich zu ihrer Wohnungstür. Mit einer Hand strich sie sich die langen, vom Schlaf wirren blonden Haare aus dem Gesicht und spähte durch den Türspion. "Paul", entfuhr es ihr überrascht ,während sie mit flinken Fingern öffnete, "was ist denn passiert? Es ist mitten in der Nacht!" Er drängte sich an ihr vorbei. Sein Gesicht war grau, er fasste sie an den Schultern und sagte mit rauer Stimme "Du wolltest mich immer ganz, doch sagtest du es nie. Du wusstest, dass ich Anna nicht allein lassen würde. Nun ist es soweit! Ich habe sie allein gelassen und ihr alles gesagt." Susi zitterte, sollte sie vor Freude schreien, so wie ihr Herz es tat? Oder besser weinen, weinen für ihn der es nicht konnte. Auch wusste sie keine Worte zu finden, es wären eh die falschen gewesen. In diesem Moment hörten sie eine Kinderstimme hinter sich "Onkel Paul, bist du wieder da? War deine Reise doch nicht so lang wie letztes Mal? Pit hat einen neuen Feuerwehrwagen bekommen, willst du ihn sehen?" Paul löste sich von Susi und schaute seinen Sohn an, als sehe er ihn zum ersten Male. Seine Arme waren weit geöffnet als der Junge in sie hineinlief. Er drückte den Kleinen an sein Herz als wolle er ihn niemals wieder loslassen. Seine Augen schimmerten etwas glasig als er mit leichtem Stolz in der Stimme sagte "Pit, mein Junge, Onkel Paul wird nie mehr auf lange Reisen gehen. Er wird nun immer da sein für dich und für deine Mama." Er nahm seinen Sohn auf den Arm und ging mit ihm ins Kinderzimmer, um das Feuerwehrauto zu bewundern. Susi stand da, unfähig sich zu rühren. Instinktiv spürte sie, dass nun erst richtig die Probleme auf sie zukommen würden. Sie kannte Anna, schließlich war es ihre Freundin, doch Anna ahnte nie etwas von ihrem Verhältnis. Was sollte nun werden? Anna hat ihr Baby und das Baby ihres Mannes im Arm gehalten und es liebkost. Sie hatte sich mit ihr über dieses Kind gefreut und nie nach dem Vater gefragt. "Du brauchst es mir nicht zu sagen Susi!" meinte sie einmal. "Ein uneheliches Kind ist nicht der Weltuntergang, sei froh, dass du eines haben darfst." Es war schwer mit dieser Lüge all die Jahre zu leben. Was mochte Anna nun tun? Sie hing an Paul wie eine Klette. Es war keine Liebe, es war Hörigkeit, die sie für Paul empfand. Sie setzte ihm täglich ein neues Denkmal. Sie würde es nicht verkraften, sie würde nicht allein zurechtkommen. Mein Gott! "Paul", sagte sie in der Kinderzimmertür, er hob seinen Blick vom Feuerwehrwagen zu ihr auf "Weiß sie alles, auch das ich?...." "Nein! Nur von Pit", war seine Antwort. Susi ließ die beiden allein und schenkte sich im Wohnzimmer einen Cognac ein, den konnte sie nun gebrauchen. Er brannte in ihrer Kehle und rann brennend hinunter in ihren Magen. Sie hasste Cognac, doch nun tat er ihr gut. Es war als ob dieses Brennen ihr Gehirn wieder zum fließen bringen würde.  Das Schrillen des Telefons ließ sie zusammenzucken. Mechanisch, mehr nur um das Geräusch abzustellen, nahm sie den Hörer ab. "Susi", drang es ihr ins Ohr, die Stimme einer gebrochenen Frau. "Susi, was soll ich tun? Er hat mich verlassen! Er hat ein Kind mit einer Anderen! Ich kann das nicht verstehen! Ich will es nicht verstehen! Ich weiß nicht, was ich machen soll! Ich muss mit jemandem reden, sonst werde ich verrückt!" Auch das noch. Susi schluckte den restlichen Cognac in ihrem Glas  mit einem Schluck hinunter, dann holte sie tief Luft und sagte "Anna, so beruhige dich doch erst einmal. Die Welt geht davon doch nicht zugrunde. Vielleicht kommt er ja wieder, lass ihm erst einmal Zeit um zu sich zu kommen. Wenn du jetzt durchdrehst, dann verschlimmerst du nur noch alles." Es war still in der Leitung, gespenstisch still. "Anna, hörst du noch", rief Susi. "Ja, ja ich höre. Aber du hast gut reden, dich betrifft es nicht. Ich halte es nicht aus, allein zu Hause. Ich muss reden, kann ich zu dir kommen? Kann ich für heute Nacht bei dir bleiben?" Nun hatte sie es gesagt! Susi rechnete damit und doch hatte sie die Hoffnung, dass diese Bitte nicht kommen möge. Was sollte sie sagen?
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