Sie hatte das Gefühl auf einem Vulkan zu stehen, der jeden Moment auszubrechen drohte. Und er brach aus! Seine fast geschrienen Worte knallten ihr regelrecht wie ein nasser Waschlappen ins Gesicht. "Eines adoptieren? Darauf kommst du jetzt? Nach zehn Jahren? Und wie stellst du dir das vor? Glaubst du morgen legt man es dir in den Arm? Wie viele Jahre willst du warten, bis du eines bekommst? Zu wie vielen Behörden willst du gehen? Und was bekommst du dann? Ein Kind von einer Drogensüchtigen, von einer Schwachsinnigen, oder was weiß ich? Hast du daran schon mal gedacht? Nein, nicht wahr? Du hast noch nie gedacht! Du kannst keine Kinder bekommen, Schluss aus!  Du bist nicht wie andere Frauen zu einem anderen Arzt gegangen und hast alles versucht. Die Sache war für dich erledigt, es war auch nicht wichtig, nur ich war wichtig, ein Kind hätte auch nur unsere Liebe zerstört, nicht wahr? Du hast mich erdrückt mit deiner Liebe, ich kann es nicht mehr aushalten! Ich kenne jede winzige Einzelheit an dir, jeden kleinen Fehler den du hast. Du hast mich vergöttert, dich ganz mir hingegeben und das nicht nur körperlich. Du hast dich an mich gekettet, am liebsten hättest du mich ins Büro begleitet, um auch dort in meiner Nähe zu sein. Du langweiltest dich zu Hause zu Tode, dennoch gabst du deine Arbeit auf, um den ganzen Tag auf mich warten zu können. Nun fällt dir ein, dass es auch eine Familie hätte sein können? Es ist zu spät! Ich habe bereits eine Familie!" Sie hörte die Worte, und doch hörte sie sie nicht. Es war, als würde eine fremde Stimme von weit her auf sie einschreien und ein Echo hinterlassen. Immer wieder sagte dieses Echo " Ich habe bereits eine Familie". Sie verstand den Sinn nicht, sie konnte und wollte ihn nicht begreifen. Ihre Augen waren starr auf ihn gerichtet, sie hatte tausend Fragen, und war doch nicht in der Lage auch nur eine zu formulieren. Er hatte den Blick bei seinen Worten von ihr abgewandt. Er stand am Fenster und starrte hinaus in die Nacht. Es war ihr, als höre sie eine fremde Stimme, als sie fragte "Eine Familie? Was heißt das? Du hast ein Kind mit einer Anderen?" Ihre Stimme brach ab und
wurde zu einem Krächzen. "Ja", kam es fest, fast trotzig aus seinem Mund "ein Junge, er ist fünf Jahre alt!" Bei dem letzten Wort drehte er sich abrupt zu ihr um. Sein Gesicht war ihr plötzlich fremd. Es war hart und undurchdringlich. Sein Mund war verkniffen, die Hand, die die heruntergebrannte Zigarette hielt, verkrampft. Asche fiel auf den Teppich und seine Zigarette zerbrach zwischen seinen Fingern. Ihre erste, völlig irrwitzige Reaktion war, zu der heruntergefallenen Asche zu eilen, um sie vom Teppich zu entfernen. Dann eilte sie zum Tisch, holte den Aschenbecher und hielt ihm diesen hin. Bei all diesen Tätigkeiten hatte sie nicht einmal aufgeschaut, sie wusste auch nicht warum sie es tat, sie tat es ganz mechanisch. Dann spürte sie den Schlag auf ihre Hand, die den Ascher trug und er entfiel ihr. Erschrocken schaute sie auf, sein Gesicht war leer. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich an und begab sich wieder ins Bad. Als er wenig später angekleidet wieder herauskam, stand sie immer noch an der gleichen Stelle im Wohnzimmer, zu ihren Füßen den Ascher, den er ihr aus der Hand geschlagen hatte. Sie sah ihn gehen, sie hörte die Haustür, doch sie begriff nicht, noch nicht. Der Nebel züngelte sich aus dem schmalen Spalt des geöffneten Fensters hinein und umhüllte sie. Sie begann zu frösteln. Langsam, fast wie in Zeitlupe ließ sie sich auf den Teppich nieder, die Arme zum Schutz gegen die plötzliche Kälte vor sich verschränkt und endlich, endlich kamen die erlösenden Tränen.


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