Starke Bäume, schwaches Gras!


Kapitel 1

Der Nebel kroch durch den Spalt des leicht geöffneten Fensters. "Mir ist heiß", sagte sie beiläufig. "Dir ist heiß?, brummelte er unwirsch ,“weißt du eigentlich was du da sagst? Mädchen, es ist Mitternacht, lausig kalt und neblig, und du stehst da im Negligé am geöffneten Fenster und sagst mir es ist heiß!" Sie sah ihn an, nicht direkt, mehr wie durch eine Scheibe. Er wird mich nie verstehen, dachte sie. Nichts ist in ihm, nicht das kleinste Flämmchen das da lodert und das man Liebe und Begierde nennt Er ist so kühl wie der Nebel der mich umfließt. Ihn habe ich einmal geliebt, geliebt bis zur Selbstaufgabe. Nun sind wir seit zehn Jahren Mann und Frau und was ist davon geblieben? Seine schmutzigen Socken, seine zerknitterten Hemden, der allabendliche Fernsehabend und sein Atem, der nach Bier riecht, mehr nicht. Er stand von der Couch auf, räkelte sich genüsslich und meinte gähnend "Ich gehe ins Bett mein Mädchen und du?". "Ja, geh du nur, ich komme gleich auch nach, es ist ja schon spät und morgen musst du wieder früh raus", erwiderte sie geradezu mechanisch. Nachdenklich schaute sie ihm nach, wie er zum Badezimmer ging. War es wirklich noch er? Er, den sie geheiratet und der Mann mit dem sie diese Ehe herbeigesehnt hatte? Sie ließ sich auf den Sessel fallen und fuhr sich mit dem Handrücken über ihre Stirn. Wir haben kein Kind, das muss es sein, was seine Liebe zur Gleichgültigkeit werden ließ. Aber er wusste es doch, von Anfang an wusste er es. Ich kann keine Kinder bekommen. Er hatte nur kurz den Atem angehalten und mich dann tröstend in die Arme genommen mit den Worten "Liebling, wir haben doch uns. Lass uns nie wieder davon reden." Sie hatten in all den Jahren wirklich nie wieder davon geredet. Auch nicht als ihre beste Freundin damals das Baby bekam. Er schien es auch gar nicht bemerkt zu haben, dass sie weinte, als sie es in den Armen hielt. Oder wollte er es nicht bemerken? Wir sollten darüber reden, dachte sie. Einmal darüber reden, wenn es das ist, nur das allein, dann sollten wir ein Kind adoptieren. Ich würde es lieben wie mein eigenes, doch könnte er es auch? Langsam ging sie zum Bad. "Liebling" rief sie fast schüchtern durch die Tür (sie wusste selber nicht warum sie nicht mit ihm von Auge zu Auge darüber sprechen wollte). "Ja mein Mädchen, die Dusche ist jetzt frei" rief er ihr zu. Warum sagte er immer mein Mädchen zu ihr? Manchmal tat es gut, es ließ ein wenig vergessen, dass man älter wurde, doch manchmal nahm sie es ihm übel. Fühlte sich von ihm nicht ernst genommen. Heute konnte sie es gar nicht ertragen, es erinnerte sie immerzu an ein Kind, ein Kind, das sie besser gehabt hätten. "Nein, es geht mir nicht um die Dusche. Ich muss einfach etwas wissen“, fragte sie ihn durch die Tür fast schüchtern und fügte mit bebender Stimme hinzu „ Liebst du mich noch?" Sekundenlange Ruhe, dann empört und belustigt zugleich "Aber mein Mädchen, das weißt du doch". "Aber es hat sich etwas verändert in all der Zeit mit uns," ihre Stimme war ein schüchternes, empörtes Aufmüpfen. "Merkst du es denn
nicht? Wir langweilen uns, wir öden uns an. Paul, ..... „, ihre Stimme brach dann ein weinerliches „ich möchte ein Kind, du auch?" Nun war es heraus! Sie stand vor der Tür zum Bad und lauschte gespannt nach innen, doch kein Laut drang an ihr Ohr. Es war als hielte er drinnen den Atem an. Plötzlich ging die Tür auf und er erschien mit einem leicht irritierten Blick "Du kannst keine bekommen, was soll das Ganze?" Seine Stimme hatte einen herben Klang. Sie konnte seinen Blick nicht mehr ertragen. "Ich weiß" flüsterte sie als sie zu Boden schaute, "Ich meine auch, ich möchte eines adoptieren Paul." Er sagte kein Wort, stand vor ihr und sah sie an wie ein weidwundes Tier. Dann drehte er sich abrupt um  und ging an ihr vorbei in das Wohnzimmer. Irritiert schaute sie hinter ihm her. Er griff zu einer Zigarette, zündete sie an und schaute aus dem Fenster in die neblige Nacht hinaus. Immer noch sagte er kein Wort. Sein Körper war angespannt wie eine Feder die leicht zu zittern anfing. So hatte sie ihn noch nie zuvor gesehen.
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